Weisheit, Wissen, Information

Foto: Thomas Ammerpohl, Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan „Cursive“
Foto: Thomas Ammerpohl, Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan „Cursive“

„Wo ist die Weisheit, die wir im Wissen verloren haben? Wo ist das Wissen, das wir in der Information verloren haben?”, so fragt in tiefer Melancholie der britisch-amerikanische Dichter T. S. Eliot im Jahre 1934.

Seine Skepsis hat bis zum heutigen Tag nicht an Gewicht verloren, womöglich ist sie so aktuell wie nie zuvor. Das ist auch der Grund, warum wir bei den zehnten Movimentos Festwochen im Jahr 2012 das Thema Weisheit, Wissen, Information gewählt haben.

Je mehr Informationen dem Menschen zur Verfügung stehen, umso weniger versteht er es, diese in Wissen zu verwandeln; je mehr Wissen er angehäuft hat, umso weniger ist er in der Lage, weise zu handeln und zu leben.


Information ist das Modewort unserer Zeit, viele behaupten, wir lebten in einer Informations- gesellschaft, und ebensoviele haben gar die Wissensgesellschaft ausgerufen. Fest steht: Wir sind süchtig nach Information und können davon gar nicht genug bekommen, weil wir hoffen, dadurch mehr zu wissen. Zahlen, Daten und vermeintliche Fakten umschwirren uns wie Motten das Licht. Es simst und twittert ohne Unterlass, Blogs werden geschrieben und gelesen, mit dem Handy aufgenommene Bilder zeigen Glück und Unglück bekannter und unbekannter Menschen, Unerwartetes und nur allzu oft auch Gefälschtes.

Aber die Welt verstehen wir dadurch kein bisschen besser. Viel eher steigt die Ratlosigkeit, ja ein Gefühl von Verlorensein, denn uns fehlt der Kompass, um auf diesem Meer von Informationen navigieren zu können.

Wie wird aus Information Wissen? Wie entsteht ein adäquates Bild von der Wirklichkeit? Was unterscheidet überhaupt Information von Wissen? Erst zielgerichtetes Interesse kann zum Verstehen führen, zur Fähigkeit, einzuordnen, wichtig von unwichtig, wahr von unwahr, gut von böse zu trennen. Sich darauf einzulassen bedeutet Mühe, verlangt nach Maßstäben und Werten, und es scheint so, als würden gerade sie in der Informationsflut immer häufiger untergehen.

Doch Wissen entsteht gleichwohl. Mit jedem kleinsten Partikel unserer Realität befassen sich Wissenschaftler; alles wird untersucht, systematisiert und bewertet. In einem nie dagewesenen Tempo erwirbt der Mensch heute Wissen, es füllt Millionen Bibliotheken, Mediatheken, Speicherplatten, Bänder, ja ganze „Wolken” im weltweiten netz. Doch aus der bloßen Menge des gesammelten Wissens wird noch kein Verstehen, auf das sich eine Gesellschaft verlässlich gründen könnte.

Die alten Fragen nach dem Gelingen unseres „global village” bleiben weiter ungeklärt. Die nötige Weisheit, um zu verstehen, „was die Welt im Innersten zusammenhält”, ist ein wahrhaft rares, wenn nicht unerreichbares Gut. Weisheit ist mehr und zugleich weniger als Wissen. Sie ist mehr, weil sie das, was wir wissen, in einen größeren, über das Wissen hinausgehenden Zusammenhang stellt, es als Teil von Kultur begreift und zuweilen auch mit dem Licht der Transzendenz erhellt. Und sie ist weniger, weil sie von einer rein wissenschaftlichen Betrachtung absieht, dafür aber der menschlichen Erfahrung Stimme und Gewicht verleiht. Denn ohne die Betrachtung des Menschen und der natur mit Empathie und Verständnis wird Weisheit nie gelingen.

Die nüchterne Strenge des Wissens kann die Gelassenheit der Weisheit nie erfassen und nie erfahrbar machen. In ihren beson- deren Glanzmomenten bleibt es der Kunst, dem Tanz, der Musik und der Literatur vorbehalten, Spuren von Weisheit aufzuzeigen.

Weisheit, Wissen, Information ist deshalb nicht nur das Thema der zehnten Movimentos Festwochen, sondern begleitet darüber hinaus die Veranstaltungen der Autostadt das ganze Jahr 2012 – jenseits aller Modeworte.

 

Otto F. Wachs Bernd Kauffmann Dr. Maria Schneider
Geschäftsführer der Autostadt GmbH Künstlerische Leitung der Movimentos Festwochen Kreativdirektorin der Autostadt GmbH und Künstlerische Leitung der Movimentos Festwochen

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