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Rückblick

16. April - 20:00 Uhr
Panoramakino

Foto: Sebastian Bisch

NOVEMBER 1918 - TANZ AUF DEM VULKAN

Texte und Lieder aus den 20er Jahren von Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Hanns Eisler, Friedrich Holländer, Harry Graf Kessler, Else Lasker-Schüler, Rosa Luxemburg, Kurt Tucholsky u.v.a.m.

Mit Maren Kroymann und Sylvester Groth; am Klavier Sir Henry
eingerichtet von Gerhard Ahrens

Der Inhalt
Ein literarisch-musikalischer Abend über eine dramatische Zeitenwende. Das Jahr 1918 markiert das Ende einer tausendjährigen Epoche deutscher Kaiser- und Königreiche, deren Ordnung sich in den letzten Tagen des Ersten Weltkrieges im freien Fall befand. Und es markiert den Beginn einer neuen Epoche, deren Aufstieg in Wissenschaft, Wirtschaft, Alltagskultur und Kunst sich bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu vollziehen begonnen hatte. Mit dem Untergang des deutschen Kaiserreiches schienen all diese Kräfte wie entfesselt und brachen sich ungestüm bahn. Die Zeit unmittelbar nach Kriegsende war von Unruhen bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, von einem ungeheuren Kräftemessen der unterschiedlichsten politischen Akteure von ganz links bis ganz rechts, von wirtschaftlichem Niedergang bis hin zur Hyperinflation der frühen 20er Jahre, aber auch von aufregenden  politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Experimenten sowie von ganz neuen Erfahrungshorizonten geprägt. Die Würde wandelte sich in kürzester Zeit vom Standesdünkel zum vehement eingeforderten Menschenrecht. All das spiegelt sich in der Literatur dieser Zeit auf schillernde Weise wider. Das vielgerühmte „Lebensgefühl der Zwanziger“ war wohl nicht so „golden“, wie es in historischer Verklärung heute gern dargestellt wird. Die Literaten, Komponisten und Interpreten jener Zeit erlebten deren Widersprüchlichkeit hautnah und vermochten diese Ambivalenz auf noch heute unter die Haut gehende Weise in Text und Musik zu transformieren.

Die Autoren
Der Arzt und Romancier Alfred Döblin, der der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg mit seinem vierbändigen Roman „November 1918“ ein spätes literarisches Denkmal schuf, begann in jenen Tagen, in Polemiken und Satiren das Geschehen mit spitzer Zunge zu kommentieren. Friedrich Holländer gründete nach dem Krieg mit Kurt Tucholsky, Klabund, Walter Mehring, Joachim Ringelnatz und anderen ein Kabarett, für das er textete und komponierte. Kurt Tucholsky war einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Wie kein anderer schaute er insbesondere dem Berliner Volk „aufs Maul“ und hielt dessen Lebenswirklichkeit in zahlreichen Liedern und Gedichten fest. Der junge Bertolt Brecht war Anfang der 20er Jahre mehrfach besuchsweise in Berlin, bevor er 1924, inzwischen zum überzeugten Kommunisten gewandelt, endgültig dorthin zog, was nicht zuletzt seine enge Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hanns Eisler begünstigte. Harry Graf Kessler, der „Rote Graf“, war nach einem Intermezzo als deutscher Botschafter in Polen – mit einer Bestätigungsurkunde des „Arbeiter- und Soldatenrates Groß-Berlin“ – ein in der deutschen Kunstszene hochgeschätzter Sammler, Mäzen und Kritiker und ein brillanter Chronist seiner Zeit. Die Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler war eine wichtige Vertreterin des deutschen Expressionismus weit über diese Literaturepoche hinaus. Rosa Luxemburg war eine einflussreiche Vertreterin der Arbeiterbewegung, die bereits früh vor der Gefahr autokratischer Strukturen im Herrschaftsbereich der „Arbeiter- und Bauernräte“ warnte – bevor sie im Januar 1919 von einem Freicorps-Leutnant erschossen wurde.

Die Interpreten
Als Schauspielerin ist Maren Kroymann dem Publikum durch zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen bekannt, darunter die Verfilmung von Sarah Kuttners Roman „Mängelexemplar“ (2016). Als Kabarettistin amüsierte sie das Publikum unter anderem im „Scheibenwischer“ sowie in ihrer Sketch-Comedy „KROYMANN“ mit feministischen Programmen. Als Sängerin hat sie ihr aktuelles Bühnenprogramm „In my Sixties“ der Popmusik der 1960er Jahre und der Befreiung aus rigiden Moralvorstellungen gewidmet. Zu Kroymanns Auszeichnungen gehören der Ehrenpreis des Baden-Württembergischen Kleinkunstpreises 2015 und der MANEO-Award für ihr künstlerisches und gesellschaftliches Engagement gegen Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Gewalt. Bei den Movimentos Festwochen trat sie im vergangenen Jahr mit der szenisch-musikalischen Lesung „Emma, sei stark!“ auf.

Mit Entschiedenheit und Leidenschaft eroberte sich Sylvester Groth die großen deutschsprachigen Theater wie die Berliner Schaubühne, die Münchner Kammerspiele und die Salzburger Festspiele. Seinen Variantenreichtum beweist Groth seit Anfang der 1980er Jahre auch in Film und Fernsehen, so als Joseph Goebbels in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009) und Dani Levys „Mein Führer“ (2007). Es folgten Literaturverfilmungen wie „Das Wochenende“ nach Bernhard Schlink (2012) oder „Nackt unter Wölfen“ nach Bruno Apitz (2015) und zuletzt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ nach dem Bestseller von Eugen Ruge (2017). Bei den Movimentos Festwochen ist Sylvester Groth seit 2009 regelmäßig zu Gast; zuletzt in Yasmina Rezas „Glücklich die Glücklichen“ (2015) sowie in der Lesung „Luthers Freiheit“ (2017).

Der kanadische Musiker, Schauspieler und Komponist John Henry Nijenhuis, besser bekannt als Sir Henry, war seit 1996 an der Volksbühne Berlin tätig. Hier arbeitete er mit seinem ganz eigenen ironischen Sound regelmäßig in Inszenierungen von Frank Castorf, Dimiter Gotscheff und David Marton; zuletzt für „Faust“ und „Ein schwaches Herz“ (beide 2017). Darüber hinaus komponierte er die Soundtracks zu Filmen von Christoph Kalkowski und Alexander Kluge.