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Rückblick

9. April - 20:00 Uhr
FreiRaum

Foto: Matthias Leitzke

VOM WERT DER WÜRDE

Öffentliches Podiumsgespräch mit
Prof. Dr. Naika Foroutan, Migrationsforscherin und stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung in Berlin,
Dr. Regula Venske, Präsidentin des Deutschen PEN-Zentrums in Hamburg,
Prof. Dr. Jürgen Manemann, Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover und
Bernd Kauffmann, Künstlerischer Leiter der Movimentos Festwochen, sprechen gemeinsam über den „Wert der Würde“ und ihre globale Gefährdung.
Moderiert wird die Gesprächsrunde von Stephan Lohr, ehemaliger Leiter der Literaturredaktion des Hörfunkprogramms beim NDR Kultur.

Es braucht nur wenig Zeit, wenn man sich darauf einlässt, über Würde nachzudenken, um zu begreifen, dass Begriff und Bedeutung der Würde mindestens ein Dilemma beschreiben und ein hohes Potential bergen. Würde ist konkret. Sie gilt vor allem Menschen, indes auch der Natur mit ihren Pflanzen und Tieren, politischen oder religiösen Institutionen.

Würde setzt, so sehr sie für das Individuum gilt, Gesellschaft voraus. Würde entsteht in und gilt für Beziehungen. Wenige Sekunden solchen Nachdenkens machen deutlich, dass Würde immer wieder und nachhaltig durch ihren Verlust definiert wird. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt der erste Satz der deutschen Verfassung, und der ist universell gemeint.
Doch fallen uns nicht sofort tausendfache Verletzungen dieses Satzes ein und auf? Im privaten Streit wie im weltweiten Geschehen, das allzu vielen Menschen noch sauberes Wasser, gesunde Nahrung, ein sicheres Zuhause vorenthält, ja dass die Menschenwürde durch Krieg und Terror offen und brutal verletzt wird? Lernen wir nicht auch gerade, dass Tieren und Pflanzen ein Respekt gebührt, den sich das Klima mit seinen markanten Ausschlägen schon selbst verschafft? Es bedarf, will die Menschheit auf ihrem Erdplaneten überleben, erheblicher ökologischer Korrekturen: weniger Abfall, weniger CO2-Emissionen, gewaltige weltweite Anstrengungen zur Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit für alle Menschen, sowohl in den reichen Industrienationen wie auch in den Armuts- und Hungerregionen dieser einen Welt. „Der Begriff der Würde birgt die Utopie einer friedensfähigen Gesellschaft“ (Oskar Negt).

Doch vergessen wir nicht Beispiele des Gelingens: So sind selbst Randbereiche öffentlicher Aufmerksamkeit, wie etwa das Sterben unter ethischen, medizinischen und gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten, in den Blickpunkt gerückt und dies ermöglicht auf Palliativstationen, in Hospizen und zu Hause einen würdigeren Tod, den sich unsere Eltern so noch gar nicht vorstellen konnten. Auch das Verständnis von Kindererziehung durch Eltern und Lehrer hat zivilisatorische Fortschritte gemacht und verzichtet in unseren Breiten auf Rohrstock und Kadavergehorsam. Selbst wenn die Konzepte umstritten sind, enthalten die Ideen und Modelle der Inklusion behinderter Menschen ein mögliches Mehr an Würde.

Die kategoriale Qualität von Würde unterliegt also durchaus gesellschaftshistorischen Veränderungen, doch es lässt sich an ihre Stelle kein Äquivalent setzen, so erläutert es schon 1794 Immanuel Kant. Würde muss also die jeweiligen Maximalforderungen menschlicher Integrität erfüllen. Zu erinnern ist auch an die religiöse Definition der Würde, die die Menschen als Abbilder Gottes prinzipiell für gleichrangig erklärt. Zugleich fordert die Auseinandersetzung christlich geprägter Gesellschaften mit dem Islam zu einem religions- und konfessionsübergreifenden Dialog heraus, der Toleranzen beansprucht, die wohl noch eingeübt werden wollen.

Bezogen auf die aktuellen Debatten in der „Ersten Welt“ bergen die Migrationsbewegungen, die staatsautoritären Entwicklungen in vielen Nationen in Richtung einer „Demokratur“ oder der Blick auf die Folgen von Globalisierung und Digitalisierung ebenso immense wie dauerhafte Herausforderungen, wenn wir dem Primat der Würde wenigstens im Ansatz Rechnung tragen wollen. Aber darüber hinaus ist auch in unserer Welt von Markt und Wirtschaft die Erwerbsarbeit ein Wesensmerkmal und ein Thema der Würde. Nur folgerichtig, dass Oskar Negt in seiner Studie „Arbeit und menschliche Würde“ (Göttingen 2001) feststellt: „Arbeitslosigkeit ist ein Anschlag auf die körperliche und seelisch-geistige Integrität, auf die Unversehrtheit der davon betroffenen Menschen.“

Die Verteidigung der Würde sowie die Abwehr ihres drohenden Verlustes erträgt Kontroverse, Streit und Konflikt, ja braucht sie sogar – auszufechten innerhalb demokratischer Regeln und mit Respekt. Denn Würde steht über den Konventionen, etwa der der Höflichkeit oder des Anstandes. Neben dem thematischen Akzent wird deutlich, dass der wissenschaftliche, künstlerische und politische Diskurs zwar letztlich der Würde dienen sollte, deswegen aber selbst durchaus nicht würdevoll ausgetragen werden muss, solange der Streit oder die künstlerische Provokation eben der Wissens- und Erkenntniserweiterung dient bzw. Raum gibt für eine Ästhetik der Utopie.

Grund genug, um im Rahmen der Movimentos Festwochen in einer öffentlichen Debatte darüber nachzudenken, wie antastbar die Würde des Menschen in einer Welt ist, die täglich von Würdelosigkeiten und der Nichtbeachtung grundlegender Regeln des menschlichen Miteinanders heimgesucht wird.